Geschichten, die nachklingen

Es gibt Bücher, die werden gelesen und anschließend zur Seite gelegt. Und es gibt Bücher, die begleiten einen noch ein Stück, nachdem die letzte Seite umgeblättert wurde.

„Wo de lu – Mein Weg“ von Jidi gehört für mich zu den Büchern, die nachklingen.

Ich habe inzwischen fünf Bände dieser besonderen Reihe bei mir stehen und ich warte noch auf drei weitere. Erst dann ist meine eigene kleine Sammlung vollständig. Das gefällt mir ganz gut, denn so kann ich der Reise, von der Jidi erzählt, in Ruhe folgen.

Was mich an diesen Büchern von Anfang an berührt hat, sind die Farben. Sie sind so voller Leben, Licht und Stimmung, dass ich manchmal länger bei einem Bild bleibe, bevor ich weiterlesen möchte. Jidis Bilder und Worte erschaffen eine eigene, besondere Atmosphäre. Farben, Figuren, Landschaften und Gedanken greifen ineinander und lassen eine Welt entstehen, in die ich immer wieder gerne eintauche.

Eine Reise und viele Lebensgeschichten

Im Mittelpunkt steht Herr V, der sich auf eine lange Reise begibt und unterwegs unterschiedlichen Menschen begegnet. Sie erzählen ihm ihre Geschichten, berichten von dem, was sie erlebt haben, von ihren Entscheidungen, ihren Beziehungen, ihren Hoffnungen und ihren Verlusten. So entsteht aus vielen einzelnen Begegnungen ein großes Geflecht aus Lebensgeschichten.

Dabei geht es um Fragen, die uns alle auf die eine oder andere Weise berühren. Um Liebe und Abschied, um das Leben und den Tod, um Entscheidungen und verpasste Möglichkeiten, um das, was uns miteinander verbindet und um die Wege, die wir im Laufe unseres Lebens einschlagen.

Jidi gibt solchen Fragen Raum und folgt ihren Spuren. Ihre Geschichten lassen unterschiedliche Sichtweisen nebeneinanderstehen und zeigen, dass Antworten oft persönlich sind und sich im Laufe des Lebens verändern können. Gedanken und Antworten, die nicht für alle gelten müssen, können dennoch etwas in Bewegung bringen. Ich lese eine Geschichte und finde mich manchmal in einem Gedanken wieder, den eine Figur ausspricht. Ein anderes Mal berührt mich eine Begegnung, obwohl sie mit meinem eigenen Leben scheinbar gar nichts zu tun hat. Und dann gibt es Geschichten, die ich einfach lese, ohne sofort zu wissen, warum sie etwas in mir bewegen.

Lesen im eigenen Tempo

Was mir besonders gut gefällt, ist, dass „Wo de lu – Mein Weg“ kein bestimmtes Lesetempo verlangt. Ein Band muss nicht in einem Stück gelesen werden. Ich lese manchmal nur eine Geschichte und ein anderes Mal mehrere am Stück. Manchmal ist mir eher danach, die Bilder anzuschauen und mich von den Farben tragen zu lassen, als weiterzulesen.

Das fühlt sich für mich sehr stimmig an, denn auch unser eigenes Leben hat nicht immer dasselbe Tempo. Es gibt Tage, an denen sind wir offen für viele Gedanken und Geschichten, und an anderen Tagen reicht eine einzige Seite, ein Bild oder ein Satz. Jidis Bücher lassen all das zu. Sie müssen nicht schnell gelesen werden und sie verlangen auch nicht, dass die Leser*innen jede Geschichte sofort verstehen. Wir dürfen verweilen, weiterlesen und das Buch auch einfach wieder schließen, um später zurückzukehren.

Geschichten, die bleiben und nachklingen

Besonders mag ich, dass die Geschichten nicht unbedingt mit dem Ende einer Seite aufhören. Manche Gedanken begleiten mich noch eine Weile. Sie tauchen später wieder auf, manchmal ganz unerwartet. Dann denke ich an eine Figur oder an eine Begegnung zurück und frage mich, was diese Geschichte eigentlich mit meinem eigenen Weg zu tun hat. Manchmal lasse ich mich davon inspirieren, manchmal irritieren oder berühren, und manchmal regt mich eine Geschichte einfach zum Nachdenken an. Genau darin liegt für mich etwas ganz Besonderes an Jidis Erzählkunst.

„Wo de lu – Mein Weg“ ist für mich eine Reise durch viele kleine und große Geschichten, die zum Menschsein dazugehören. Und zugleich ist die Reihe für mich zu einer Reisebegleitung durch mein eigenes Leben geworden.

Welche Geschichten begleiten dich? 📖