Manchmal finden Worte genau dann zu uns, wenn wir sie brauchen…

Was ich von Miss Marple über Stärke lerne

Ein Knäuel Wolle, eine Tasse Tee und ein scheinbar harmloses englisches Dorf. Auf den ersten Blick ist Miss Marple nicht die Person, der man zutrauen würde, einen Mordfall zu lösen. Sie ist eine ältere Dame, die strickt, Tee trinkt und ihre Zeit scheinbar ganz beschaulich verbringt. Und genau darin liegt für mich ihr besonderer Zauber.

Miss Marple ist keine klassische Heldin. Sie ist nicht laut, nicht körperlich überlegen und schon gar nicht darauf aus, im Mittelpunkt zu stehen. Ihre Stärke liegt ganz woanders: in ihrer Beobachtungsgabe, ihrem scharfen Verstand und ihrer Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen, die anderen verborgen bleiben.

Was ich besonders mag, ist, dass Agatha Christie mit Miss Marple eine Figur geschaffen hat, die auf wunderbare Weise zeigt, dass Stärke ganz unterschiedlich aussehen kann. Nicht immer braucht es große Worte oder spektakuläre Auftritte. Manchmal reichen ein wacher Blick, ein gutes Gedächtnis und die Fähigkeit, aufmerksam zuzuhören.

Miss Marple kennt die Menschen mit all ihren Licht- und Schattenseiten. Sie sagt sinngemäß, dass sich in einem kleinen Dorf die ganze Menschheit wiederfindet. Über viele Jahre hat sie beobachtet, zugehört und Erfahrungen gesammelt. Sie weiß, dass sich menschliche Gefühle und Verhaltensweisen im Kleinen wie im Großen überall wiederholen. Die Welt spiegelt sich in einem Dorf und Miss Marple hat gelernt, genau hinzusehen und auch die kleinen Dinge wahrzunehmen. Ein Blick, ein Satz oder eine Geste können ihr etwas erzählen. Aus scheinbar unbedeutenden Einzelheiten setzt sie die Puzzleteile zusammen und entdeckt Zusammenhänge, die anderen verborgen bleiben. Wer würde schon hinter einer älteren Dame mit Strickzeug eine so brillante Ermittlerin vermuten?

Darin liegt eine der schönsten Botschaften, die ich von Miss Marple mitnehme: Menschen sind oft viel mehr, als auf den ersten Blick zu erkennen ist. Und das gilt nicht nur für andere, sondern auch für uns selbst. Denn manchmal unterschätzen wir unsere eigenen Fähigkeiten, weil sie nicht so aussehen, wie wir sie uns vorgestellt haben. Dabei liegt gerade in unserer eigenen Art, die Welt zu betrachten, in unseren Erfahrungen und in dem, was wir über die Jahre gelernt haben, etwas ganz Besonderes.

Miss Marple ist auf ihre Weise stark und genau darin liegt für mich eine kleine Lebensweisheit, die ich gerne von ihr mitnehme:

Du musst nicht dem klassischen Bild einer Heldin oder eines Helden entsprechen, um stark zu sein.

Gönnen wir uns von Zeit zu Zeit genauer hinzusehen, auch bei uns selbst, und zwar nicht auf das, was scheinbar fehlt, sondern auf das, was längst da ist. Stärke kann leise sein und sie kann sich auf verschiedenste Art und Weise zeigen wie in Aufmerksamkeit, in Erfahrung, in klarem Denken, in Mut zeigen oder einfach darin, sich selbst treu zu bleiben.

Gibt es eine Stärke in dir, die bisher noch nicht als solche erkannt wurde?🦋